EUROPÄISCHES PERMANENTES OBSERVATORIUM ZUM THEMA LESEN UND LEKTÜRE - 2002

DAS PORTRÄT DES VIELLESERS IN DEN EUROPÄISCHEN STUDIEN

Von Anna Signorini



1. Das Persönlichkeitsbild des Viellesers

Die Untersuchungen der europäischen demoskopischen Institute und die Auswertung der in Europa vorliegenden statistischen Daten fördern verschiedene Bedeutungen und verschiedene Persönlichkeitsbilder des Viellesers zu Tage.
Die europäischen Forschungsinstitute wenden nicht die gleichen Parameter und die gleichen Methoden an, um den Büchermarkt zu klassifizieren. Demzufolge beziehen sich die Ergebnisse der Statistiken nur dem Anschein nach auf die gleichen Text- und Lesergruppen. Jede Untersuchung umfasst und bedient sich Typologien, die von einer nationalen Einrichtung zur anderen variieren.
Die einzelnen Länder ordnen ein und dieselben Werke in verschiedene Kategorien und Gattungen ein. Die Ungleichartigkeit der eingesetzten Untersuchungsinstrumente und Forschungsmodelle ist der Schaffung einer allgemeinen und einheitlichen Übersicht, und damit einem Vergleich des Leseverhaltens der Europäer, hinderlich.
Die Definition des Viellesers ist sehr vielschichtig. Diese Tatsache signalisiert bereits, dass jede spezifische Begriffsbestimmung dazu tendiert, eine besondere Identität aufzudecken, die diesem sozialen und wirtschaftlichen Personentypus von Land zu Land innerhalb der Bedeutungshierarchien der gesamten Leserschaft zuerkannt wird.
Die von allen Nationen und Forschungseinrichtungen zum Zwecke der statistischen Erfassung der Entität und der Typologie der Leser angewandten quantitativen Kriterien geben einen Hinweis auf die Bedeutung, die der Lektüre von Büchern und dem Leseverhalten von den verschiedenen Ländern beigemessen wird und entsprechen der Durchschnittsmenge der in jeder Nation gelesenen Bücher (so wird beispielsweise in Italien derjenige als Vielleser bezeichnet, der zwischen 10 und 12 Büchern jährlich liest, in Frankreich, wer über 20 Bücher in einem Jahr liest).


2. Der Vielleser als Käufer und Verbraucher

Der Vielleser wird mengenmäßig auf zweierlei Art und Weise ermittelt:
(i) durch Marktforschungen, die ihn aufgrund der pro Monat oder pro Jahr erworbenen Bücher als Käufer charakterisieren, wofür z.B. die Daten herangezogen werden, die über die Inhaber von Mitglieds-/Treuekarten einer Buchhandlung vorliegen, oder die Antworten, die auf die von den Verlagen den eigenen Büchern beigefügten Fragebogen eingehen usw.;
(ii) durch gezielte Untersuchungen und Befragungen einer repräsentativen Personengruppe, wie sie beispielsweise von den städtischen Büchereien durchgeführt werden, und bei denen es um Fragen zu den persönlichen Präferenzen und Gewohnheiten der eigenen Kunden geht.


3. Die vergessenen Vielleser

Ein jedes Forschungsergebnis ist zwangsläufig approximativ, zumal eine große Zahl von Viellesern von den Marktstatistiken überhaupt nicht erfasst werden, wie z.B. die Bookcrossers oder die Benutzer von digitalen Bibliotheken, die davon Gebrauch machen, die Werke kostenfrei und ohne Eintragungspflicht herunterzuladen, oder die Besucher von öffentlichen Bibliotheken, die zahlreiche Werke ausleihen und lesen, aber nicht kaufen.
Diese parallelen und oft unkontrollierbaren Zugangsmodalitäten zur Lektüre stellen eine Grauzone dar, die von den aktuellen statistischen Erhebungen größtenteils ignoriert wird.


4. Vielleser und Zielgruppen

Die Verkaufszahlen des Büchermarktes reichen nicht aus, um Auskunft zu geben über die numerische Realität und die tatsächlichen Präferenzen der Vielleser, die nicht als einfache Käufer identifizierbar sind.
Die Tendenz der statistischen Erhebungen, die Identität der Vielleser mit der von den Verlagshäusern bevorzugten Zielgruppe übereinstimmen zu lassen, zeigt auch, dass viele demoskopische Studien den Zweck verfolgen, die Absatzzahlen zu steigern und die verlegerischen Strategien zu optimieren, und definieren die Vielleser als eine Teilgruppe der breiter gefächerten und gemischten Kategorie von großen Lesern und Multimediabenutzern.
Sehr viel häufiger ist es da schon der Fall, von Regierungsstellen zwecks Leseförderung und Werbung für das Lesen in Auftrag gegebene eingehendere Untersuchungen zu den kulturellen Präferenzen und den persönlichen Gepflogenheiten (nicht nur rein wirtschaftlicher Art) der Vielleser vorzufinden.
Einige Studien führen verschiedenartige Kriterien an, um die Lesequote, d.h. die Lesehäufigkeit, zahlenmäßig zu bestimmen und den Anteil der Vielleser prozentual zu extrapolieren: das reicht von der Anzahl der pro Jahr gelesenen Bücher über die Menge der jährlich gekauften Bücher bis zur Zahl der Stunden, die wöchentlich oder täglich für die Lektüre aufgewendet werden.


5. Verschiedene Untersuchungen und Definitionen von Viellesern in Europa

Im Folgenden sind einige jüngere Studien aufgeführt, welche die Diskrepanzen bei der Handhabung und der Auswertung der von den einzelnen statistischen Einrichtungen gesammelten Daten aufzeigen.
Ihre Gegenüberstellung dient dem Zweck, den Mangel an gleichartig strukturierten Studien und das Fehlen von einheitlichen Parametern für die Ermittlung, die Definition und die Analyse der Praktik des Viellesens zu erläutern.

5.1. Italien

In Italien werden von den beiden wichtigsten demoskopischen Einrichtungen, Istat und Censis, unterschiedliche Persönlichkeitsbilder des Viellesers vorgelegt, die je nach Durchschnittsindex der jährlich gelesenen oder gekauften Bücherzahl variieren.

5.1.1. Die Ergebnisse von Istat
Als Vielleser bezeichnet Istat denjenigen, dessen Konsum 11-12 Bücher pro Jahr übersteigt, wie sich beispielsweise der Tabelle der Jahre 1988-1994 entnehmen lässt (Tabelle 1).
Istat verzeichnete einen Rückgang der täglichen Zeitungsleser von 47 Prozent in 1996 auf 41 Prozent im Jahr 2000, und quantifizierte die Gruppe der Leser, deren Konsum 12 Bücher jährlich übersteigt, mit 12,1 Prozent auf die gesamte Leserschaft (38,3 %) von Büchern.
(Vgl. AIE, Le cifre dell’editoria in Italia, Rapporto 2002, Rom, Ministerium für Kulturgüter und kulturelle Aktivitäten, Sparte Verlagswesen, herausgegeben vom Studienamt des Italienischen Verlegerverbandes, Koordinatoren G. Peresson und L. Novati, März 2002, Tabelle 2).
Auf die Vielleser, d.h. fünf bis sechs Prozent der Geamtbevölkerung, entfallen rund 80 Prozent des gesamten Verlagsmarktes.
(Vgl. Beobachtungsstelle für das Verlags- und Kommunikationswesen, L’editoria nel nuovo ambiente competitivo: l’industria della comunicazione nel difficile passaggio dal vecchio al nuovo, Mailand, 25. November 2002, http://www.editoriaecomunicazione.it/osservatorio2.asp?anno=2002).

5.1.2. Die Ergebnisse von Censis
In dem im Jahre 2001 von Censis erstellten Ersten Jahresbericht zum Kommunikationswesen in Italien wird der Vielleser der Kategorie der Leser mit einem Konsum von mehr als 10 Büchern jährlich (Tabelle 3) zugeordnet.
Der von diesem Institut zur Ermittlung der Vielleser gewählte Mengenindikator erscheint insignifikant verglichen mit denen anderer Studien im Bereich der Lektüre, ist im Vergleich zur durchschnittlichen Verbreitung der Lesegepflogenheit jedoch als bedeutend zu bezeichnen.

5.1.3. Die Ergebnisse von Demoskopea
Die Unstimmigkeiten in Bezug auf die Daten und die Schwankungen des Klassifizierungsgebietes der Vielleser, von den Lesern von mehr als 10 Büchern bis zu denen von mehr als 11-12 Büchern, finden kein Ende, wenn auch die vom Demoskopea-Institut ermittelten Ergebnisse in Betracht gezogen werden, die 2001 im Rahmen einer Repräsentativumfrage unter 1.000 Personen zwischen 8 und 80 Jahren einen Rückgang der Personen, die mehr als 20 Bücher jährlich anschaffen, von 20,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnet haben, was allerdings durch den Anstieg der Käufer von jährlich 16-20 Büchern ausgeglichen wird.
(Vgl..Universität Bologna, Hochschule für humanistische Studien, Master in Papier- und Multimedia-Publizieren, Giuliano Vigini, Il lettore e il suo editore: la promozione della lettura, 6. Februar 2002, http://www.sssub.unibo.it/master/conferenze%20editori/vigini.htm).
Das letztgenannte Beispiel eines Untersuchungsmodells zur quantitativen Bestimmung der Vielleser ähnelt demjenigen, das von zahlreichen französischen Studien verwendet wird, die als Vielleser den Käufer oder Leser von mehr als 20 Büchern jährlich betrachten.

5.1.4. Vielleser und Gebietszugehörigkeit
Einem Bericht der Censis über das Buchverlagswesen in Italien aus dem Jahr 2000 zufolge waren die Vielleser vornehmlich in den Großstadtgebieten anzutreffen, wo zahlreiche Großbuchhandlungen niedergelassen sind, und wurde ihr Anteil auf 16 Prozent kalkuliert, gegenüber einem nationalen Schnitt von 12 Prozent.
In Stadtzentren – wo die Vertriebsstruktur mit der Eröffnung von großen Verkaufsstellen die signifikantesten Modernisierungsmaßnahmen erfahren hat – ist laut Istat die größte Zahl der Personen zu finden, die sich als "starke Leser" bezeichnen: 15,5 Prozent gegen einen Schnitt von 11,7 Prozent (vgl. AIE, Rapporto 2002, a.a.O.).
Diese Untersuchungen spiegeln die durch den Wohnort bedingte Disparität der Leser wie auch das mangelhafte Vertriebsangebot in Rand- und außerstädtischen Gebieten wider – externe Faktoren, die die Formation bzw. Nichtformation von Viellesern in hoßem Maße beeinflussen.

5.1.5. Lektüre und Verteilung
Im Mittelpunkt der am 20. Januar 2003 in Verona abgehaltenen Tagung zum Thema Verteilung des Buches in Italien und in Deutschland. Zwei Realitäten im Vergleich stand die Tatsache, dass einer der Gründe, warum in Italien so wenig gelesen wird und die Zahl der Vielleser Jahr für Jahr weiter sinkt, in den schwierigen Beschaffungsmöglichkeiten der Bücher zu suchen ist.
Werden in Deutschland etwa acht Stunden benötigt, um ein Buch zu beschaffen, sind dafür in Italien drei bis vier Tage zu veranschlagen, und werden in den deutschen Katalogen eine Million Titel geführt, beläuft sich diese Zahl in Italien auf 250.000 (vgl. www.alias.org/news/convdist.shtml, Abfrage vom April 2003).
Des Weiteren ist errechnet worden, dass in Italien 43 Prozent der Leser den gewünschten Titel in der Buchhandlung nicht aufzufinden vermögen und dass die Zahl der kleinen Buchläden ständig abnimmt (ihre Zahl beläuft sich landesweit auf etwa 2.500) und zwar zu Gunsten der großen Verkaufsstellen, welche die meistverkauften Buchtitel in ihrem Sortiment haben.

5.1.6. Starke und weiche Leser: der Unterschied der gewählten Gattungen
In den Untersuchungen, die 2001 von Istat durchgeführt und vom Italienischen Verlegerverband AIE präsentiert worden sind, unterscheidet sich der weiche Leser vom starken, d.h. vom Vielleser, durch die gekaufte und gelesene Buchgattung.
Als weiche Leser betrachtet werden die gewohnheitsmäßigen Käufer von Kriminalromanen, Sciencefiction-Stories, leicht verständlichen Handbüchern und Liebesromanen vom Zeitungsstand, die im Bericht auf etwa sechs Millionen Personen geschätzt werden.
An dieser Begriffsbestimmung wird die implizierte Charakterisierung des Viellesers mit der Typologie des Lesers von anspruchsvoller erzählender Literatur (und nicht nur) deutlich, der Autoren und Titel wählt, die von der Kritik anerkannt sind, wohingegen auf den weichen Lesertyp jener Anteil an Lesern entfällt, die mehr Interesse an Erzählungen und Fortsetzungsromanen für den schnellen, aber häufigen Konsum bekunden.
Diese Angabe charakterisiert die Lesertypologie nach Parametern, die sich auf die literarischen Gattungen beziehen und nicht mehr auf die Menge der jährlich gelesenen Bücher.
Der Markt des Liebesromans, der für gewöhnlich einen großen Konsum seitens des Käufers impliziert, gestattet es nicht, den Leser nach den gleichen Kategorien zu definieren, wie sie für den Großkonsum von anspruchsvoller Erzählkunst angewendet werden.

5.1.7. Starker, weicher und multimedialer Leser
Diese Leserkategorie unter der Begriffsbezeichnung weiche Leser bleibt auf ein einziges und technisches Genre beschränkt, das diesen Leser dem Konsumenten von Handbüchern, Wörterbüchern oder Broschüren gleichsetzt.
Ihr Ausschluss aus der Gruppe der Vielleser unterstreicht die Tendenz der statistischen Forschungsinstitute in Italien, den Vielleser nicht als einen großen Multimedia-Verbraucher zu betrachten, als Person, die viel im Internet surft, viel auf Reisen ist, ins Theater und in die Bücherei geht und viel liest, sondern als Person, die vor allen Dingen viele unterschiedliche Arten von Texten liest: von Bestsellern über Kioskkrimis, Webtexte, Tageszeitungen, Monatsschriften und Prospekte bis hin zur Betriebsanleitung für die Hi-Fi-Anlage.
Eine der möglichen Ursachen für die Unzulänglichkeit der von Istat zum Zwecke der Feststellung der realen Gegebenheiten der transversalen Lektüre angewandten Untersuchungs- und Planungsmodelle, ist auf die mangelhafte Sichtung und Sondierung der Fragen zurückzuführen, die auch andere Aktivitäten als nur die reine Buchlektüre einschließen.

5.1.8. Der Vielleser als Medienkonsument
Die Stiftung Censis und die Katholische Union der Italienischen Presse Ucsi haben im Jahr 2002 ihre Nachforschungen zum Teil in diese Richtung gelenkt, wie sich im Zweiten Bericht zum Kommunikationswesen. Italiener & Medien – Secondo Rapporto sulla Comunicazione. Italiani & Media, Rom, Oktober 2002, nachlesen lässt (und, im Detail, das gesamte Forschungsergebnis von Comunicazione e cultura im 36. Bericht von Censis zur sozialen Lage des Landes 2002 (36° rapporto sulla situazione sociale del paese 2002 http://www.edscuola.it/archivio/statistiche/censis_02.pdf), in dem die Stratifizierung der italienischen Bevölkerung auf der Grundlage des persönlichen Verhältnisses zu den Massenmedien und der Quantität der in Anspruch genommenen Massenkommunikationsmittel analysiert wird.
Die Verbraucherkategorien (zwischen 14 und 85 Jahren) sind nach fünf Typologien geordnet worden, allerdings fehlt eine detaillierte Untersuchung des Phänomens der Quantifizierung des Viellesens; in der Kategorie “Bücher” sind nur die Leser von ein bis drei Büchern jährlich aufgeführt: (i) die Außenseiter, die normalerweise nur ein Medium verwenden, für gewöhnlich das Fernsehen; diese Gruppe umfasst 4,5 Millionen Menschen, was einem Anteil von 9,1 Prozent der untersuchten Bevölkerung entspricht. Es handelt sich vorwiegend um ältere Frauen mit niedrigem Bildungsstand aus dem Süden und dem Nordosten Italiens.
(ii) die Unterversorgten, die sich normalerweise 2 oder 3 Medien bedienen, jedoch eine fast ausschließliche Beziehung zum Fernsehen haben. Diese Gruppe umfasst 18,4 Millionen Personen und stellt 37,5 Prozent der gesamten untersuchten Bevölkerung dar. In ihr sind vorwiegend Frauen mittleren Alters aus den südlichen Landesteilen Italiens vertreten.
(iii) die Durchschnittsverbraucher, die üblicherweise 4 oder 5 Massenkommunikationsmittel in Anspruch nehmen und regelmäßig von Fernsehen, Radio und Tageszeitungen Gebrauch machen und eine deutliche Tendenz zur Lektüre von Büchern zeigen, jedoch ein sehr begrenztes bzw. gar kein Verhältnis zu den Online-Medien haben. Ihr Anteil macht 17,8 Millionen und damit 36,3 Prozent der Bevölkerung aus. Es handelt sich dabei vorwiegend um junge Männer, größtenteils mit Hochschulreife, aus dem Nordwesten Italiens.
(iv) die Omnivoren, die 6 oder 7 Massenkommunikationsmittel verwenden. Ihr besonderes Charakteristikum verglichen mit den vorgenannten Gruppen besteht im Wesentlichen in der Tatsache, dass sich diese Personen auch relativ gut mit den Online-Medien vertraut gemacht haben. Diese Gruppe umfasst 7,3 Millionen Personen und entspricht 14,8 Prozent der Bevölkerung; die Konsumenten sind vorwiegend männlichen Geschlechts (57,1 %), mit einem großen Anteil an jungen Erwachsenen (30- bis 44-Jährige: 35,7 %) und jungen Leuten (18- bis 29-Jährige: 34,4 %). Die Angehörigen dieser Gruppe haben einen mittleren bis hohen Bildungsstand: 56,5 Prozent besitzen die Hochschulreife, 18,8 Prozent haben einen Hochschulabschluss, d.h. mehr als doppelt soviel wie der nationale Durchschnitt. Die Studenten sind mit einem Anteil von 21 Prozent in signifikantem Maße vertreten. Tageszeitungen werden von 78 Prozent gelesen, 70 Prozent bedienen sich des Computernetzwerkes Internet und fast genauso hoch ist der Prozentanteil der Leser von Büchern (68 %). In dieser Kategorie sind überwiegend junge Männer mit Studienbefähigung oder Hochschuldiplom aus dem mittelitalienischen Raum vertreten.
(v) die Pioniere, die praktisch von allen verfügbaren Massenmedien Gebrauch machen, Personen, die aufgrund ihrer familiären Situation, ihrer Beschäftigungslage und ihres Bildungsstandes ausgezeichnete Möglichkeiten haben, sich mit den Massenkommunikationsmitteln gründlich vertraut zu machen. Es sind 1,1 Millionen Personen, die 2,3 Prozent der italienischen Bevölkerung ausmachen. Das Radio und die Tageszeitungen sind in dieser Kategorie mit einem Anteil von 99,1 Prozent am stärksten vertreten; das Fernsehen belegt “nur” den zweiten Platz, wenngleich mit einer Verbreitungsrate von ansehnlichen 98,2 Prozent, gefolgt vom Computer, der mit 97,2 Prozent den dritten Platz belegt; die Bücher rangieren in dieser Kategorie mit einem Anteil von 88 Prozent bereits auf Platz vier, auf dem fünften die Wochenzeitschriften mit 87 Prozent und das Internet auf dem sechsten, jedoch noch immer mit einem sehr hohen Anteil, nämlich 86,1 Prozent. In 40,7 Prozent der Fälle handelt es sich um junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren und in 44,4 Prozent um Personen unter 44 Jahren. Über einen Hochschulabschluss verfügen 23,2 Prozent und über die Hochschulreife sogar 62 Prozent. Was die Arbeitslage betrifft, sind praktisch alle entweder beschäftigt (62,3 %) oder Studenten (20,8 %). Diese Kategorie umfasst vorwiegend junge Menschen mit hohem Bildungsstand aus allen Landesteilen Italiens.

5.1.9. Schwachstellen der Untersuchungen
Aus dieser Studie geht eindeutig hervor, dass derjenige, der Massenmedien intensiv nutzt, auch jemand ist, der viel liest. Allerdings liegt weder eine Untersuchung zur Lesehäufigkeit vor noch lassen sich irgendwelche Angaben über die Vielleser extrapolieren.
Die statistischen Untersuchungen müssten ihre Recherchen verstärkt auf die Vielleser konzentrieren, und zwar basierend auf einem neuen Charakterbild der Lektüre, das nicht nur das Buch allein berücksichtigt, sondern alle mit dem Lesen verbundenen Nuancen und Textformen (Webseiten, Blogs, Zeitschriften usw.).

5.1.10. Lektüre und Kauf
Das Lesen wird von den Forschungsinstituten oftmals der Anschaffung eines Buches gleichgesetzt, obwohl es sich dabei um zwei gänzlich voneinander unterscheidende Zugangsmodalitäten zum Buch handelt.
Das Lesen ist nach mindestens drei Grundtypologien zu gliedern:
- die vollständige Lektüre, vom Anfang bis zum Ende eines Textes;
- die fragmentarische Lektüre, ein wichtiger Indikator, der zum Beispiel von der spanischen Studie des CIDE vorgesehen worden ist (Tabellen 23, 24);
- die parallele Lektüre von mehreren Texten gleichzeitig.
Nach Ansicht von Gian Arturo Ferrari, Generaldirektor der Buchdivision von Mondadori, ist der Büchermarkt in Italien zum großen Teil auf elitäre Weise strukturiert und stützt sich auf die sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung, die allein die Hälfte der gekauften und gelesenen Bücher erwerben, was sich insbesondere über die Vertriebskanäle der Buchhandlungen mit hochwertigem Sortiment vollzieht.
Die andere Hälfte wird von den 44 Prozent der so genannten Gelegenheitsleser abgedeckt, die ihre Käufe vorwiegend in Großbuchhandlungen tätigen, in denen allgemein bekannte Bücher und Bestseller angeboten werden.
(Vgl. Gian Arturo Ferrari (Generaldirektor Buchdivision Mondadori), Lettera aperta ai librai italiani, Segrate, 16. März 2001, http://www.arpnet.it/cs/librivendoli/ferrari.html)
An dieser letzten Studie lässt sich eine weitere Unstimmigkeit hinsichtlich der Bewertungsraster der Lesertypologien erkennen.
Der von Mondadori beschriebene Gelegenheitsleser ist ein Mensch, der nicht konstant das gleiche Genre von Büchern liest und dessen Präferenzen schwer vorhersehbar sind, der jedoch häufig Bestseller kauft und mit der vom Forschungsinstitut Istat aufgestellten Typologie des weichen Lesers Deckungsgleichheiten aufzuweisen scheint.
Beide Studien richten die Einschätzung des Lesers nach der Qualität der gelesenen und gekauften Buchtitel und nicht so sehr nach der Menge der jährlich gelesenen Bücher.

5.2. Frankreich

In den französischen Erhebungen werden die eifrigen Leser als gros oder forts lecteurs bezeichnet.
Das von Jean-François Hersent für das Kulturministerium koordinierte und im Juni 2000 veröffentlichte Forschungsprojekt Sociologie de la lecture en France: état des lieux (http://www.culture.fr/culture/dll/sociolog.rtf) unterschied zwischen zwei verschiedenen Forschungsrichtungen auf dem Gebiet der Soziologie des Lesens in Frankreich, ein Wissenszweig, der in der Nachkriegszeit in diesem Land entstanden ist und sich um zwei wesentliche Einflussbereiche herum entwickelt hat: um denjenigen, der sich auf die Theorien des russischen Psychologen Nicolas Roubakine, des amerikanischen Soziologen Douglas Waple und des deutschen Bibliothekars Walter Hofman stützt, und denjenigen, der auf Condorcet begründet ist und mit den Kulturpolitiken in Zusammenhang steht: der Gruppe Sociologie du loisirs des CNRS, dem Zentrum für Soziologie der literarischen Themen von Bordeaux (heute ILTAM) und der Gruppe Peuple et culture.
Dieser lange und ausführliche historische Exkurs zum Forschungspanorama in Frankreich verdeutlicht, welche Bedeutung dem Phänomen des Lesens und seiner gesellschaftlichen Untersuchung in diesem Land beigemessen wird.

5.2.1. Zwei Forschungsrichtungen
Nach der Analyse der in den letzten 50 Jahren durchgeführten Untersuchungen hat Hersent die Forschungsentwicklung gemäß zwei verschiedenen Strömungen differenziert: (i) der qualitativen und (ii) der quantitativen.
Zahlreiche quantitative Studien haben an den Korrelationen zwischen soziokulturellen Merkmalen und Leseverhalten festgemacht, die, nach Meinung von Hersent, ebenso wichtigen Modalitäten und Mitteln zur Untersuchung des Phänomens häufig nicht Rechnung tragen. Wie zum Beispiel den “Abweichungen von der Norm”, den Ausnahmen und all jenen Dingen, die der Typizität der Leserkategorien widersprechen.

5.2.1.2. Lektüre und Rezeption
Die Bedeutung dieser Problematik unterstreicht insofern die Verschiedenartigkeit und die Vielfältigkeit der Arten von Textrezeptionen, als die Beziehung zwischen Text und Leser interaktiver Natur ist. Daher wäre es zweckmäßig, wenn in den statistischen Untersuchungen auch der soziale Unterschied bei der Rezeption ein und desselben Textes Berücksichtigung fände.

5.2.1.3. Starke und sehr starke Leser
Der den 90er Jahren gewidmete Abschnitt mit dem Vergleich von drei Untersuchungen, die durch Befragungen von DDL, France Loisirs und Le Monde-Fureur de Lire 1993 durchgeführt wurden, gab als forts lecteurs die Leser von mehr als 25 Büchern jährlich an (10,4 Prozent der befragten Bevölkerung). Der Bezugsindex liegt damit sehr viel höher als derjenige, der von Ländern wie Italien gewählt wurde, und verdeutlicht die beträchtliche Differenz in Bezug auf das durchschnittliche Leseverhalten in diesen beiden Nationen.
Bezeichnend für diese Gruppe ist die Tendenz, vornehmlich in Bibliotheken zu lesen und weniger zur Anschaffung per schriftlicher Bestellung oder über Buchclubs zu tendieren.
Die Leser von 10 bis 24 Büchern jährlich sind als durchschnittliche Leser bezeichnet worden (ca. 23,7 Prozent der befragten Personengruppe), ein Leseindex, der in Italien für die Kategorie der starken (d.h. der Vielleser) wenn nicht sogar der sehr starken Leser appliziert werden würde. Diese Gruppe scheint die Bibliotheken in geringerem Maße zu frequentieren (nur ein Viertel von ihnen besucht öffentliche Büchereien).

5.2.1.4. Lektüre in der Bibliothek
Hersent führte auch die Daten der 1995 von der Direction du livre et de la lecture im Dienste der Studien und Forschungen der BPI in Auftrag gegebenen und im Jahre 2000 veröffentlichten Untersuchung zu den Beziehungen zwischen Lektüre und Besuch von (insgesamt 36) öffentlichen Bibliotheken an.
In den drei Monaten vor der Untersuchung hatten 87 Prozent der Befragten mindestens ein Buch gelesen; zwei Drittel davon hatten 1 bis 9 Bücher gelesen.
20 Prozent der Befragten gaben an, zwischen 10 und 19 Bücher gelesen zu haben, 19 Prozent mehr als 20 Bücher.
Daraus resultierte, dass es sich bei den Besuchern von Bibliotheken in 44 Prozent der Fälle um Vielleser handelte. Die meistgelesene Buchgattung in der Bibliothek war der Gegenwartsroman (41 %).

5.2.1.5. Vielleser und Nutzungskanäle
Diese Untersuchung der statistischen Daten zum Leseverhalten in den 90er Jahren hat ergeben, dass die Fragen vorwiegend psychologischer Natur waren und sich auf die Motivationen der Leser bezogen, einem bestimmten Medium zur Anschaffung und/oder Nutzung von Büchern den Vorzug vor anderen zu geben:
bei den Antworten überwogen Faktoren wie die Nähe der Bibliothek oder der Buchhandlung vom Wohnort, die Möglichkeit, bei der Buchwahl beraten zu werden, das Gefühl, gut aufgehoben zu sein und die Möglichkeit, ohne Hast wählen zu können (flaner).
Es hat sich des Weiteren herausgestellt, dass die Angewohnheit, sowohl Buchhandlungen als auch Bibliotheken zu frequentieren, ein charakteristisches Merkmal der Vielleser ist.

5.2.1.6. Die gemeinsamen Indikatoren
Auch Hersent wies auf das Fehlen gemeinsamer Indikatoren bei den Untersuchungen zur Lesehäufigkeit und zum Leseverhalten in den verschiedenen Ländern hin, da bisher noch keine einheitlichen Vorschriften oder Umsetzungen von einem nationalen Indikator zum anderen vorliegen.
Beispielsweise variieren die sozialen/berufsmäßigen Nomenklaturen stark von einem Land zum anderen, so dass ein unmittelbarer Vergleich der benutzten Termini oftmals nicht möglich ist.
In dem kurzen Verzeichnis von Vergleichsstudien zum Leseverhalten der Europäer ist auf folgende Untersuchungen hinzuweisen:
- die Studie von France Edition (1995);
- eine Umfragenreihe mit der Bezeichnung “Regards croisés: Lire en Europe”, die von der Direktion des Buches und der Lektüre gemeinsam mit France Loisirs (1994) in Auftrag gegeben wurde und unter der Federführung der Gruppe SOFRES durchgeführt und im Sommer 1996 aktualisiert wurde;
- die Untersuchung zum Leseverhalten von Gymnasiasten Grinzane 1997;
- die Untersuchung Grinzane Europa 1999 zu den Präferenzen der europäischen Jugend.

5.2.2. Eine Erhebung aus dem Jahr 2001
Viele der in Frankreich angestellten Nachforschungen charakterisieren die Lesergruppen mit Hilfe von quantitativen Modellen, die sich auf die täglich für das Lesen aufgewendete Zeit beziehen (wie sich aus der in der Erhebung von der ständigen Beobachtungsstelle für öffentliches Lesen in Paris vorgenommenen Definition der Les non usagers des bibliothèques parisiennes herleiten lässt, wo als starker Leser derjenige bezeichnet wird, der mindestens eine Stunde täglich liest, vgl. “BBF”, Paris, T. 43, Nr. 5, 1998).
Die von der Zeitschrift “INSEE Première” durchgeführte und veröffentlichte Untersuchung (Hélène Michaudon, Division Conditions de vie des ménages, La lecture, une affaire de famille, Nr. 777, Mai 2001) definiert den starken Leser dagegen als jemand, der mindestens 12 Bücher pro Jahr liest.
27 Prozent der Befragten (ab 15 Jahren, zwei Drittel davon Frauen) gaben an, jeden Monat mindestens ein Buch zu lesen (vgl. INSEE, Enquête permanente sur les conditions de vie des ménages, Oktober 2000).
Die der untersuchten Personengruppe gestellten Fragen betrafen sowohl die gegenwärtigen Lesegewohnheiten als auch den Zeitaufwand, den dieselben Personen in der Kindheit, zwischen 8 und 12 Jahren, durchschnittlich dem Lesen gewidmet hatten (Tabelle 4).

5.2.2.1. Lektüre und Bildung
Neben diesen Ergebnissen sind einige Daten des Kulturministeriums zu den Viellesern wiedergegeben worden.
Während die Möglichkeit, Bücher zu beschaffen, mit der Fülle des Angebots zusammenhängt, ist das Leseverhalten in starkem Maße an das soziokulturelle Niveau gebunden.
42 Prozent der Personen mit Hochschulreife und nur 17 Prozent derjenigen ohne Studienbefähigung sind Vielleser und haben in vielen Fällen eine Führungsposition inne.

5.2.2.2. Lektüre und Leser in der Familie
Die Untersuchung von INSEE hat die Lesehäufigkeit der Befragten auch mit dem kulturellen Niveau der Eltern in Beziehung gebracht, um die soziale Herkunft, den Einfluss der elterlichen Modelle sowie die Kindheitsgewohnheiten von “lesewütigen” Erwachsenen zu verstehen (Tabellen 5, 6, 7, 8). Generell lesen Erwachsene weniger als sie es als Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren taten.
Wie für das Erwachsenenalter ist auch in der Kindheit das Lesen stärker unter den Mädchen (72 %) verbreitet als unter den Jungen. Einzelkinder oder Erstgeborene waren als Kinder emsigere Leser als diejenigen mit vielen Geschwistern.
Weiterhin bezeichnend für die Vielleser ist die Tatsache, dass ihre Eltern oftmals im Besitz der Hochschulreife waren (mindestens ein Elternteil), denen die schulische Entwicklung der Kinder sehr am Herzen lag.
Diese Untersuchung fördert aber auch ein ungewöhnliches Ergebnis zu Tage: es scheint, dass unter den Kindern, die viel Fernsehen gucken, auch Vielleser sind.

5.3. Spanien

In Spanien ist es nichts Ungewöhnliches, detaillierte Untersuchungen zum nationalen Leseverhalten vorzufinden.
Zwei Untersuchungen, die 2002 von Precisa Research und 2001-2002 vom CIDE durchgeführt wurden, liefern zwei Persönlichkeitsbilder von Viellesern.

5.3.1. Die Ergebnisse von Precisa Research
Die von Precisa Research für das Ministerium für Kultur, Bildung und Sport unter 4.000 Personen ab 14 Jahren durchgeführte Telefonumfrage mit dem Titel Hábitos de lectura y compra de libros Año 2002 liefert viele nützliche Daten, um die Gruppe der Vielleser den spanischen Kanons gemäß zu verstehen, einzuordnen und zu quantifizieren.
Als häufige Leser (35,3 %) werden diejenigen bezeichnet, die von einmal wöchentlich bis tagtäglich lesen (Tabelle 9).

5.3.1.1. Besessene Bücher
Die Befragten wurden gebeten, sich zur Zahl der in ihrem häuslichen Besitz befindlichen Bücher zu äußern. Der Faktor, der zwecks Bestimmung der Kategorie der eifrigsten Leser gewählt wurde, lag bei über 100 Büchern (31,5 %); unter den durchschnittlichen Lesern resultieren die Besitzer von mehr als 20 Büchern (43,2 %), 25,9 Prozent besitzen zwischen 101 und 500 Bücher und 5,6 Prozent verfügen über mehr als 500 Bücher (Tabelle 10).

5.3.1.2. Gekaufte Bücher
Der Schnitt der in einem Jahr gekauften Bücher beläuft sich auf neun Exemplare, ein bemerkenswertes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass in Italien die Käufer von zehn und mehr Büchern pro Jahr bereits als Vielleser bezeichnet werden.
5,3 Prozent haben zwischen 11 und 15 Büchern angeschafft, 2,3 Prozent zwischen 16 und 20, 2,1 Prozent zwischen 21 und 30, 1,1 Prozent zwischen 31 und 50, und 1,0 Prozent mehr als 50 Bücher, d.h. der Anteil der Käufer von mehr als elf Büchern jährlich beträgt 11,8 Prozent, eine Größenordnung, wie sie von Istat für die italienischen Vielleser ermittelt worden ist (Tabelle 11).

5.3.1.3. Geliehene Bücher
Der dem Lesen in Bibliotheken betreffende Untersuchungsabschnitt befasste sich mit der Analyse der Quantität von Büchern, die monatlich von jener Personengruppe entliehen werden, die angab, regelmäßig in die Bibliothek zu gehen (etwa 26,2 % der insgesamt untersuchten Personengruppe).
Der Schnitt liegt bei zweieinhalb Büchern, 34,4 Prozent haben ein Buch ausgeliehen, 30,2 Prozent zwei Bücher, 14,5 Prozent drei Bücher, 7,5 Prozent vier Bücher, 4,8 Prozent fünf Bücher und 8,6 Prozent mehr als fünf (Tabelle 12).

5.3.2. Die Ergebnisse des CIDE
Die vom Forschungs- und Dokumentationszentrum für Erziehung und Bildung CIDE vorgelegte Studie Los hàbitos lectores de los adolescentes españoles, die vom Kulturministerium in Auftrag gegeben wurde, hat im Rahmen einer Repräsentativumfrage das Leseverhalten von Jugendlichen im Alter von 15 bis 16 Jahren untersucht.
Befragt wurden insgesamt 3.600 Personen. Diese Untersuchung unterscheidet sich von der vorhergehenden dadurch, dass sie auf einem vornehmlich qualitativen Untersuchungsmodell basiert.

5.3.2.1. Die häufigen Leser
36 Prozent der Jugendlichen gaben an, in ihrer Freizeit Bücher zu lesen, und zwar mindestens einmal wöchentlich. Diese Aussage wird vom CIDE als ausreichend betrachtet, um diese Personen als häufige Leser zu bezeichnen (Tabelle 13).
Diese Angabe ist mit derjenigen einer anderen Untersuchung verglichen worden, die 2001 unter dem Titel Barómetro sobre hábitos de compra y lectura de libros von Precisa Research für das Kulturministerium durchgeführt wurde, und die unter den Erwachsenen (ab 14 Jahren) 45 Prozent von Nichtlesern registrierte.
Es ist demnach festgestellt worden, dass Jugendliche mehr lesen als Erwachsene (nur 25,83 % der Jugendlichen lesen nicht, Tabelle 14).

5.3.2.2. Zunahme des Alters und der Lektüre
Die Mehrheit der befragten Jungen und Mädchen (44 %) gibt an, die Lesefrequenz in den letzten zwei Jahren erhöht zu haben (Tabelle 15), wohingegen aus der anderen Studie hervorgeht, dass nur 23 Prozent der Erwachsenen häufiger zum Buch greifen als in der Vergangenheit.

5.3.2.3. Nicht nur Bücher
Zielstellung dieser Untersuchung war es, die Vielleser zu ermitteln. Dafür bediente man sich Fragen zur Lektüre nicht nur von Büchern, sondern auch von Zeitschriften, Tageszeitungen und Comics.
16 Prozent der Befragten werden als regelmäßige Leser von Comics definiert und 59,9 Prozent als Leser von Zeitungen und Zeitschriften (Tabelle 16).

5.3.2.4. Die Freude am Lesen
Eine Frage bezog sich auf den Spaß am Lesen – ein von den Forschern des CIDE quantifizierter und, verglichen mit den von den anderen Forschungsinstituten bezüglich der Lektüre verwendeten Kriterien, recht ungewöhnlicher Faktor, zumal er sehr abstrakt und mengenmäßig kaum bestimmbar ist.
15 Prozent der Befragten gaben an, sehr gern zu lesen (Tabelle17).

5.3.2.5. Die Motivationen
Ein weiteres Kriterium, das zur Ermittlung des Phänomens des Viellesens unter den Jugendlichen herangezogen wurde, betraf die Motivationen, welche die jungen Leute veranlassen, in ihrer Freizeit zu lesen bzw. es nicht zu tun.
Die für die Definition der Motivationen gewählten Indikatoren sind: aus der Freude am Lesen, um sich zu bilden, um für Klassenarbeiten zu lernen, um sich nicht zu langweilen, aus Pflicht (Tabelle 18).
In der Rangliste der zehn beliebtesten Freizeitbeschäftigungen belegt das Lesen den vorletzten Platz (Tabelle 19).

5.3.2.6. Das familiäre Umfeld
Wie bereits für den französischen Fall illustriert (§ 5.2.2.2.), wird auch bei dieser Untersuchung das Leseverhalten der Jugendlichen mit dem sozioökonomischen und dem kulturellen Niveau der Eltern in Beziehung gebracht (Tabellen 20, 21).

5.3.2.7. Lektüre und schulische Leistungen
Ein weiterer Korrelationsfaktor im Rahmen dieser Studie betraf die häufige Deckungsgleichheit zwischen dem Vielleser und dem Schüler mit guten schulischen Leistungen.
Die Schwelle, an der die Kurve der Schüler mit guten bis sehr guten schulischen Leistungen ansetzt, stimmt mit derjenigen der jungen Leute überein, die von einmal monatlich bis tagtäglich lesen (Tabelle 22).

5.4. Portugal

Die von Omnibus von der Gesellschaft Quantum unter 2.000 Personen zwischen 15 und 65 Jahren durchgeführte Untersuchung mit dem Titel Estudo de hàbitos de leitura e compras de livros, die vom Portugiesischen Buchhändler- und Verlegerverband APEL in Auftrag gegeben und im März 2003 veröffentlicht wurde, präsentiert das Persönlichkeitsbild eines starken Lesers, das mit dem des Käufers von mehr als elf Büchern jährlich übereinstimmt (17 % derjenigen, die angaben, Käufer zu sein, d.h. 942 Personen; Tabelle 25).

5.4.1. Lektüre und Gebietszugehörigkeit
Sämtliche Ergebnisse dieser Studie sind mit dem Herkunftsort und dem sozioökonomischen Niveau der Befragten in Beziehung gebracht und unter diesem Aspekt analysiert worden, wodurch es möglich wurde, die kulturellen Unterschiede und die Verfügbarkeit des Leseangebots in den mehr oder weniger industrialisierten Gebieten des Landes zu erfassen und zu begreifen.
Die Vielleser waren größtenteils auf die Vororte von Porto und Coimbra und in dem ländlichen Gebiet östlich von Lissabon konzentriert. Dabei handelte es sich vornehmlich um Frauen aus der oberen Mittelschicht und mit höherem Bildungsstand.

5.4.2. Die Bibliotheken der Leser
Wie bei der spanischen Untersuchung von Precisa Research (§ 5.3.1.1.) wurde auch diese Personengruppe nach der Zahl der in ihrem Besitz befindlichen Bücher befragt, die im Schnitt 156 beträgt.
Bezogen auf diesen Durchschnittswert findet sich das Gros der Bücherbesitzer von mehr als 150 Exemplaren in den ländlichen Gebieten östlich von Lissabon und in der Stadt Lissabon konzentriert.
Kulturell und wirtschaftlich gehören viele dieser Personen zur oberen Mittelschicht und sind zwischen 40 und 59 Jahre alt. Nur ein Prozent der insgesamt Befragten ist im Besitz von mehr als 1.000 Büchern (Tabelle 26).

5.4.3. 20 Jahre im Vergleich
Diese Untersuchung präsentiert in Form von zwei Tabellen eine prozentuale Gegenüberstellung der im Laufe eines Jahres von einer gleichbleibenden Zahl von Befragten (2.000 Personen) über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, von 1983 bis 2003, angeschafften und gelesenen Bücher.
Das bedeutet, dass 20 Jahre lang alljährlich Untersuchungen mit stets denselben Kriterien bei der Formulierung der Fragen angestellt wurden, um auf diese Weise Daten bereitzustellen, die leicht miteinander vergleichbar sind und es zudem gestatten, die statistischen Schwankungen der Vielleserzahl Jahr für Jahr mengenmäßig zu bestimmen.
Durch den gegebenen Aufbau dieser periodisch durchgeführten Untersuchungen erhält man einen raschen Überblick über die prozentualen Variationen der durchschnittlichen Zahl der Käufer von 11 bis 20 Büchern jährlich, der Käufer von 21 bis 50 Büchern pro Jahr und der Käufer von mehr als 50 Büchern im Jahr. Die gleiche Übersicht lässt sich über die Schwankungen bei den Lesern von 11 bis 20 Büchern jährlich und denen von über 20 Büchern pro Jahr gewinnen.

5.4.4. Leser und Käufer
Die Daten, die zur Menge der in einem Jahr gelesenen Bücher zusammengetragen wurden, sind mit den Prozentsätzen der jährlich gekauften Zahl von Büchern korreliert worden.
5,3 Prozent der Befragten lesen zwischen 11 und 20 Bücher jährlich, 2,5 Prozent zwischen 21 und 50 Bücher, 0,4 Prozent mehr als 50 Bücher.
Käufe zwischen 11 und 20 Büchern jährlich werden von 5,6 Prozent der Befragten getätigt, von mehr als 20 Büchern von 3,0 Prozent.
Das bedeutet, dass in dieser Untersuchung das Persönlichkeitsbild des Lesers von dem des Käufers differenziert wurde und dass insbesondere zwischen Lektüre und Kauf unterschieden worden ist – zwei grundverschiedene Aktivitäten also, die das Buch und seine Nutzung betreffen (Tabellen 27, 28).

5.5. Großbritannien

Viele englische Untersuchungen und Umfragen ermitteln die Prozentsätze der Leser und Vielleser auf der Grundlage der dem Lesen von Büchern täglich gewidmeten Minutenzahl.
Die Tageszeitung “The Telegraph” veröffentlichte am 1. März 2001 die nach geografischen Gebieten geordneten Ergebnisse des “World Book Day” zum Leseverhalten in Großbritannien, basierend auf der Stundenzahl, die wöchentlich für das Lesen aufgewendet wird (Tabelle 29).

5.5.1. Die Ergebnisse von Book Market Limited
Aus der von Orange Prize 2002 an Book Market Limited übertragenen Studie, deren Ergebnisse im Dokument The reading habits of individual and couples, Report on a Panel Study, Mai 2002 (http://www.audit-commission.gov.uk/publications/lfair_libraries.shtml) enthalten sind, geht hervor, dass Frauen zu den eifrigsten Lesern von Romanen gehören, für deren Lektüre sie wochentags im Schnitt 25 Minuten und feiertags/im Urlaub 70 Minuten täglich aufwenden.
Zentrales Thema der Studie war die von den Briten fürs Lesen aufgewandte Zeit. Die aus Singles und Pärchen bestehende repräsentative Personengruppe wurde im Rahmen dieser Untersuchung zu ihren Verhaltensweisen und Gewohnheiten befragt.

5.5.1.1. Minuten und Stunden
Jede Testperson wurde gebeten, von Februar bis April die täglich dem Lesen gewidmeten Minuten schriftlich festzuhalten.
Der durchschnittliche Zeitaufwand betrug sechs Stunden wöchentlich, davon 77 Minuten pro Tag für Sciencefiction-Romane, 17 Minuten für Handbücher und 41 Minuten für Sach- oder Fachbücher. Die Leser stellen 60 Prozent der untersuchten Personengruppe dar.

5.5.1.2. Heaviest readers
Die Vielleser werden als heaviest readers definiert und sind vorwiegend Personen im Alter von über 50 Jahren, die zwischen 8,5 bis 9,5 Stunden wöchentlich lesen. 60 Prozent der Erwachsenen haben in den letzten drei Monaten sieben Bücher gelesen, woraus gefolgert wurde, dass sie pro Jahr ca. 30 Bücher lesen (Tabellen 30, 31).
Diese beiden Daten sind nicht korreliert worden, so dass es nicht möglich ist, den Anteil der Vielleser prozentual zu bestimmen.
Diese Untersuchung konzentrierte sich schwerpunktmäßig auf die Präferenzen und die Gewohnheiten der Leser unter dem Aspekt ihrer mehr oder minder starken Beeinflussung durch den Partner. Für die zahlenmäßige Bestimmung der dem Lesen gewidmeten Zeit liegen nur Minutenangaben vor, und die Zahl der tatsächlich gelesenen Bücher ist nicht berücksichtigt worden, sondern nur die der angefangenen Bücher.

5.5.2. Die Ergebnisse des National Literacy Trust
Die britannische Privatorganisation National Literacy Trust www.literacytrust.org.uk wurde 1993 gegründet und hat zum Zweck, die Entwicklung und das Wachstum der Lektüre in einem Land zu fördern, in dem viele der Bewohner an der Schwelle zum Analphabetismus stehen (eine Schätzung des International Adult Literacy Survey aus dem Jahre 1996 ergab, dass 20 bis 25 Prozent der erwerbstätigen britannischen Bevölkerung über mangelnde Lesefähigkeiten verfügen).
Aus der 2002 von Briony Train durchgeführten Untersuchung mit dem Titel The Impact of National Literacy and Reader Development Initiatives in the United Kingdom (www.rogaland.fylkesbibl.no/konferanse/forstaa/presentation.doc) ging hervor, dass 35 Prozent der Engländer im Besitz von mindestens 200 Büchern sind und 34 Prozent mindestens zwölf Bücher jährlich lesen.

5.5.3. Die Ergebnisse der National Reading Compaign
Der National Literacy Trust veröffentlichte in seiner Website die Ergebnisse der von der National Reading Compaign und vom Office for National Statistics im Juli 2002 durchgeführten Untersuchung des Leseverhaltens in Großbritannien.
Daraus resultierte, dass von den 50 Prozent der Befragten (1.700 Erwachsene ab 16 Jahren), die angaben, in einem Jahr mindestens fünf Bücher zu lesen, zehn Prozent mindestens 20 Bücher jährlich lesen (Tabelle 32).
All diese Statistiken und Studien scheinen zu bestätigen, dass das Phänomen der Lektüre ein Forschungsgebiet ist, das von den verschiedenen Instituten auf der Basis von heterogenen Parametern bearbeitet wird, die einen Vergleich der Daten nicht zulassen.

5.6. Deutschland

Einer jüngeren Studie zufolge ist in Deutschland die Zahl der Vielleser, d.h. der Leser ab 14 Jahren mit einem Konsum von mehr als 20 Büchern jährlich, zwischen 1995 und 1999 von fünf auf neun Prozent angewachsen.
Fraglich scheint jedoch die Angabe, dass die Zahl der Personen, die täglich lesen, von 13 auf 20 Prozent gestiegen ist. Diese Kategorie ist auf der Basis von definierten quantitativen Kriterien nicht unterscheidbar, zumal kein numerischer Indikator zur Anzahl der gelesenen Seiten oder der täglich mit dem Lesen verbrachten Stunden/Minuten vorgesehen ist (vgl. www.boersenverein.de).
Aus den Ergebnissen einer anderen Untersuchung, die anlässlich des “Tag des Buches 2001” angestellt wurde, geht hervor, dass das Lesen zu den zehn beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen gehört.
22 Prozent der Bevölkerung gehören zur Gruppe der Vielleser, eine Kategorie, in die all die Personen eingestuft werden, die mehr als ein Buch pro Woche lesen.
Den größten Zuspruch erhalten dabei Kriminalromane, Horrorliteratur, Klassiker sowie Bestseller von Autoren wie Stephen King und Patricia Highsmith (vgl. www.odenwald.de/bibliote/koeberb/welttag.htm).


6. Einige europäische Vergleiche

Eine Gegenüberstellung der Ergebnisse verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den Persönlichkeitsbildern des Viellesers in den verschiedenen Nationen.
Für die Definition der Kategorie der Vielleser machen Länder wie Frankreich, Großbritannien und Deutschland, wo das Lesen sehr stark verbreitet ist, von größeren Mengenindikatoren Gebrauch als Italien oder Spanien.

6.1. Die Ergebnisse von Eurostat

Signifikant unter den wenigen Vergleichsstudien zum Leseverhalten und zur Mediennutzung der Europäer ist das im Oktober 2002 aus den Daten von Eurostat hervorgegangene Ergebnis (vgl. Michail Skaliotis, Statistics in the Wake of Challenges Posed by Cultural Diversity in a Globalization Context. Key Figures on Cultural Participation in the European Union, EUROSTAT, Unit E3, Health, Education and Culture, Luxemburg, Oktober 2002).
In dieser Studie wurde als Vielleser derjenige bezeichnet, der mehr als acht Bücher jährlich liest (Tabelle 33) – ein niedriger Mengenfaktor verglichen mit dem Leseverhalten der Deutschen oder der Franzosen, der jedoch mit dem Erfordernis begründet wird, zu einem Durchschnittsindex für das “Viellesen” auf der Basis des Leseverhaltens der verschiedenen berücksichtigten europäischen Länder zu gelangen.
Diese Methode hat zur Folge, dass Portugal und Italien (zwei Länder mit wenigen Lesern) einen beinahe gleichrangigen Leseindex haben wie Deutschland (eine Nation mit einem großen Anteil an Lesern).
Dieses Ergebnis steht in Widerspuch zu den Untersuchungen, die in den einzelnen Ländern durchgeführt wurden, und ist die Konsequenz des unangemessenen Erhebungssystems, das zwecks Anpassung der Daten auf der Grundlage eines einzigen Messsystems angewandt worden ist.

6.2. Für eine effiziente europäische Forschungsaktivität

Eine weitere Studie, die im Mai 2001 unter der Federführung des Nationalen Buchzentrums in Griechenland durchgeführt wurde, hatte zum Zweck, das Leseverhalten in den verschiedenen europäischen Ländern festzustellen. Wie an den Grafiken (Tabellen 34, 35) zu ersehen ist, fehlen zahlreiche Daten. Daher ist es schwierig, diese Studie für eine effiziente Feststellung der Unterschiede zwischen den befragten Lesern und den untersuchten Nationen heranzuziehen.
Die von dieser Einrichtung angewandte Methode könnte, sofern sie von allen Ländern auf gleiche Art und Weise eingesetzt wird, ein sinnvolles Instrument darstellen, um die kulturellen Unterschiede und die Differenzen in Hinblick auf das Leseverhalten in Europa zu überprüfen. Von Nutzen wäre ferner eine Vergleichsstudie der von den einzelnen Institutionen und Nationen zwecks Definition des Viellesers verwendeten Indikatoren (Tabelle 34), was anhand der Verquickung der von allen Einrichtungen gelieferten Porträts und Daten geschehen könnte.
(Olivier Donnat, Eduardo de Freitas, Guy Frank, Manuel de bonne pratique sur l'élaboration d'énquêtes sur les comportements de lecture, Centre National du Livre de Grèce, mai 2001, http://www.readingeurope.org/observatory.nsf)