SETL - Europäische Schule für Übersetzer von Literatur


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Magda Olivetti hat große Autoren wie Bernhard, Bachmann, Schnitzler, Kafka, Musil, Rilke u.a. aus dem Deutschen ins Italienische übersetzt, ist Unternehmerin im Bereich Kultur und hat in Turin mit der finanziellen Unterstützung der Region Piemont und des Europäischen Sozialfonds auf die Initiative des Salone del Libro (Turiner Buchmesse) hin im Jahre 1992 die europäische Schule für Übersetzer von Literatur (SETL) ins Leben gerufen. Die SETL hat verschiedene Erfahrungen mitgemacht, von denen die letzten zwei als Pilotprojekte durchgeführte Kurse in Florenz waren, die von der Region Toskana und dem F.S.E. Unterstützung erhielten und von der Vereinigung FIT der Universitäten der Toskana in Zusammenarbeit mit dem Premio Grinzane Cavour veranstaltet wurden. Im Jahre 2002 sind SETL Kurse als interregionales Projekt in der Toskana und im Piemont geplant.


Warum sind wir eine Schule für Übersetzer von Literatur?

Wir sind alle der Meinung, dass die literarische Übersetzung die höchste Form von kultureller Kommunikation zwischen Ländern mit verschiedenen Sprachen darstellt und die Übersetzer wahre Vermittler von Kunst verkörpern, genauso wie Interpreten von Musik, für deren Ausbildung leider kein Konservatorium zur Verfügung steht. In Europa gibt es hervorragende Schulen für Dolmetscher und technische Übersetzer. Übersetzer von Literatur sind bisher immer gezwungen gewesen, sich das Metier selbst beizubringen. SETL ist entstanden, um dieses Manko zu beheben. Nach Abschluss unserer Kurse konnten viele und angesehene Übersetzer Arbeit bei Verlagen wie Adelphi, Einaudi und/oder Mondadori, Sellerio, Zanichelli etc. finden.


Wie unterrichtet man das Übersetzen von Literatur?

Hier sind wie beim Kern des Problems. Es war nötig, eine „maßgeschneiderte“ Didaktik zu entwickeln, die nötigen Mittel zu finden und eine enge Verbindung der Studenten zu der Welt der Arbeit herzustellen. Unsere Didaktik findet Inspiration in der Renaissance. Gemeint ist damit, das enge Verhältnis vom Schüler zu seinem Lehrer und Meister. Bei uns unterrichten professionelle und anerkannte Übersetzer, die viele, viele Bücher übersetzt haben und bei den Verlagen Ansehen genießen: Sie stellen dieses enge Verhältnis her und führen die Studenten in das Metier ein. Jeder gute Übersetzer weiß, dass das, was zählt, die praktische Arbeit ist. Die abstrakten und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Übersetzen sind zwar interessant, aber wie ein Text über Klavierspielen und Musikwissenschaften für jemandem, der noch nie mit seinen Händen Klaviertasten berührt hat, wenig nützlich. Die Qualität des Unterrichts ist ein Markenzeichen unserer Schule bzw. der Dozenten/ Übersetzer (natürlich alle Muttersprachler). Aber auch unsere Schüler werden einer strengen Auswahl (schriftliche und mündliche Prüfung) unterzogen. Neben den circa dreihundert Stunden, die das Gerüst des Unterrichts bilden, lehren bekannte Schriftsteller wie Giuseppe Pontiggia und Daniele del Giudice schriftlichen Ausdruck, denn das Wichtigste für einen Übersetzer von Literatur ist das Schreiben in der eigenen Sprache. Darüber hinaus gibt es Unterrichtsfächer wie Editing und Literatur.


Sind andere Fächer und Kurse vorgesehen?

Ja, da ja doch die meisten Übersetzer bei den Verlagen Anstellung suchen, gibt es einen auf das Verlagswesen und das Schreiben ausgerichteten Kurs, der von Valerio Magrelli abgehalten wird. Außerdem erklären Verleger und Redakteure den Studenten ihre Arbeit (z.B. die Entstehung eines Buches, das Marketing, die Pressestelle) und was von einem literarischen Übersetzer bzw. von einem jungen Verlagsmitarbeiter erwartet wird. Man kann fast sagen, das die SETL gleichzeitig eine Schule für Verleger ist, mit der von Mal zu Mal alle großen und kleinen Verlage zusammengearbeitet haben: Adelphi, Bollati-Boringhieri, Bompiani, Donzelli, Einaudi, Electa und/oder Feltrinelli, Garzanti, Giunti, Guanda, Le Lettere, Marsilio, Il Melangolo, Mondadori, Passigli, Sellerio, Zanichelli etc. Es sind zwei Semester vorgesehen. Das erste besteht aus 16 Wochen full immersion, im zweiten Semester werden die Studenten in zweiunddreißig Wochen didaktisch im Fernunterricht unterstützt: Die Verlage vertrauen ihnen ein Buch an, dass sie übersetzen sollen. Später dann wird ihr Name an der dem Übersetzer vorbehaltenen Stelle erscheinen, und sie werden von den Verlagen zu einem Stage eingeladen.


Wird an der Schule nur Literatur behandelt?

Nein, die große Neuigkeit der SETL Kurse in Florenz, die beibehalten und weiter entwickelt werden soll, sind die weiterbildenden Kurse, durch die die Studenten das Feld ihrer Fähigkeiten erweitern können, was einen rascheren Einstieg in die Arbeitswelt, und zwar nicht nur bei den Verlagen, garantiert. Circa 100 Stunden full immersion sind der Übersetzung von Texten aus Kunst und Kultur gewidmet, von dem Sachbuch höchsten Niveaus über Kataloge für Kunstausstellungen bis hin zu Touristenführern. Die dem Kino vorbehaltenen Stunden umfassen Fächer wie Schreiben eines Drehbuchs, Synchronisierung und Untertitel. Daneben gibt es Stunden zum Thema Übersetzungen für das Fernsehen, Radio und Theater, den Journalismus, die Mode und die Werbung. In allen diesen Bereichen beweisen die als versierte Übersetzer bekannten Studenten und Studentinnen der SETL, dass sie nach Erlernen der für einen Professionisten und Experten notwendigen Grundelemente über bessere Kenntnisse verfügen als diejenigen, die sich auf technische Fachsprachen spezialisiert haben. Oft fallen einem in Übersetzungen grobe Fehler auf, die aber eben auf eine fehlende Basiskultur zurückzuführen sind.
Ein Beweis für das vorhergehend Gesagte ist das Übersetzungsbüro, Cooperativa NTL (il Nuovo Traduttore Letterario), das gleich nach Beendigung der Kurse im Jahre 2000 von den Kursteilnehmern in Florenz gegründet wurde. Dieses Büro kann sich nicht über zu wenig Arbeit beklagen, es sammelt stets neue Erfahrungen und es hat sogar die Preise erhöhen können.


Welches sind die Zukunftspläne der SETL?

Ich würde sehr gern mit den Universitäten zusammenarbeiten, so dass die SETL Kurse die Universitätsausbildung vervollständigen, indem sie eine Brücke zur Arbeitswelt darstellen. Ich hoffe natürlich auch, dass in anderen Ländern Kurse entstehen, die hinsichtlich der Dauer, geforderten Leistung und entwickelten Didaktik ähnlich sind, damit endlich die neue Figur des literarischen Übersetzers anerkannt wird. Um dieses Projekt nicht nur in Italien, sondern auch in anderen Ländern bekannt zu machen, habe ich eine kulturelle Vereinigung mit dem Namen SETL gegründet, die sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, das Problem der zu niedrigen Bezahlung für Übersetzer zu lösen. Die literarischen Übersetzer in ganz Europa beklagen sich mit Recht über ihre Bezahlung. Wenn die Verlage den Übersetzern das zahlen würden, was ihnen zusteht, dann würden alle Konkurs anmelden, weil die Übersetzung einen Aufpreis darstellt. Ein sind ein europaweites Gesetz und Geldmittel erforderlich (Es würde aber auch ausreichen, den für Übersetzungen der hohen Sphären vorbehaltenen Geldbestand anzuzapfen, um den literarischen Übersetzern je nach Qualität der Übersetzung und für die Zeit, die eine Arbeit in Anspruch nimmt, ein Gehalt zu zahlen, das den verschiedenen Universitätsabschlüssen gleichkommt.) Selbstverständlich muss der Bereich abgegrenzt werden, denn wer Groschenromane übersetzt, ist noch lange kein literarischer Übersetzer. Ist ein solches Gesetz verabschiedet, dann kann der Übersetzer von seiner Arbeit leben, sein Name würde auf den Buchdeckeln stehen, wie der Name von Interpreten auf den Platten steht. Ich würde gern eine Arbeitsgruppe bilden, um einen konkreten Gesetzesentwurf auszuarbeiten, der so bald wie möglich dem Europäischen Parlament vorzulegen ist.